Happening für die Fußgängerzone Sendlinger Straße: »Die Stadt den Menschen zurückgeben«

Straßen.Mal.Fest am gestrigen Samstag, 17.6.2017, wird zum großen Happening und zur politischen Botschaft. Organisiert wurde der Flashmob mit 1.993 Künstlerkreiden von den urbanauten unterstützt von zahlreichen weiteren Umwelt- und Verkehrsverbänden (Foto: Stephan Rumpf)

Irgendwie war klar, dass auch der FC Bayern mitten im Herzen Münchens – in der, wenn es der Stadtrat demnächst beschließt, bald kommenden bzw. bleibenden Fußgängerzone Sendlinger Straße – seinen Platz bekommen würde. Vater und Sohnemann malten das Logo des Rekordmeisters in rekordverdächtiger Größe auf die Fahrbahnfläche der Sendlinger Straße – völlig legal übrigens. Am Samstag durfte jeder, der Lust hatte, zur Künstlerkreide greifen und nach Lust und Laune bunte Motive auf den Asphalt bringen. Eine ganze Reihe von Umweltverbänden, Verkehrsinitiativen und Jugendverbänden hatten zum »Straßen.Mal.Fest« in die Sendlinger Straße aufgerufen, um deutlich zu machen, welch toller öffentlicher Raum die Sendlinger Straße für Fußgänger darstellt. Derzeit läuft noch ein von der Stadt ausgerichteter  »Verkehrsversuch«, in Kürze entscheidet der Stadtrat, ob die Straße dauerhaft zur Fußgängerzone wird. Es kamen Hunderte Malfreudige, die im Laufe des Nachmittags wiederum Tausende Passanten zum Verweilen, Schauen und Staunen verführten. Eine kleine Künstlerin war zum Beispiel die sechsjährige Barbara, die ein Einhorn auf die Fahrbahn zauberte. Und weil ihr das Ergebnis selbst so gut gefiel, setzte sie noch einen pinken Schmetterling daneben. Angespornt wurde sie von ihrer (erwachsenen) Cousine Marlene, die von der Aktion »irgendwo online« Kunde bekommen hatte. »Tolle Sache« befand auch Astrid, die mit ihrem zweijährigen Theo farbenfrohe Muster in die Straßenmitte malte.


Künstler, Kinder und Eltern gemeinsam an den Künstlerkreiden


Spaß jedenfalls hatten beileibe nicht nur Kinder aller Altersstufen, die entweder vertieft in ihre Kunstwerke waren oder sich von den Künstlern Martin Blumöhr, PYSERone und Beastiestylez ein wenig anleiten ließen. Auch Erwachsene ohne Kinder im Schlepptau griffen sich die umsonst von den urbanauten zur Verfügung gestellten Straßenmal- und hochwertigen Pastellkreiden von Boesner und Schminke. Während eine Frau großflächig afrikanische Kunstmotive auf den Asphalt brachte, hatten andere auch politische Botschaften im Sinn. »Peace, Love and No Cars«, war in großen Lettern zu lesen, sinniger Weise ganz in der Nähe eines Fußgängerzonen-Symbols auf dem Boden, das irgendwer noch ein wenig flippiger angemalt hatte – und dabei das Wort „Zone“ durchgestrichen hatte. Die Botschaft wohl: wer braucht schon eine „Zone“, wenn er Münchner ist und den öffentlichen Raum hat.


Seit den 1960er-Jahren ist die Fußgängerzone Sendlinger Straße im Gespräch – vrstl. nächste Woche entscheidet der Münchner Stadtrat.


Die Aktion lockte auch zwei Grandseigneurs der Münchner Fußgängerzonen-Planung in die Sendlinger Straße – Karl Klühspies, 89, und Gerhard Meighörner, 93. Der Stadt- und Verkehrsplaner Klühspies hatte sich in den 1950er und 60er-Jahren erfolgreich gegen die Idee der »autogerechten Stadt« zur Wehr gesetzt und erinnerte daran, dass im damaligen Fortschrittsglauben beinahe halb München überdimensionierten Straßen zum Opfer gefallen wäre. »Die Lindauer Autobahn hätte demnach am Sendlinger Tor geendet, die Nürnberger am Haus der Kunst.« Klühspies freute sich ob der auch in der Münchner Innenstadt spürbaren »Tendenz, die Stadt den Menschen zurückzugeben«. Der frühere Baudirektor Meighörner, der die Geburt der Münchner Fußgängerzone in der Kaufinger Straße Anfang der 1970er-Jahre im Auftrag des Planungsreferates mitgestaltete, freute sich über die jüngsten Entwicklungen. Im Vergleich zu damals sehe er, dass heute »ein anderer Maßstab angelegt wird« und auch die Interessen der Anrainer stärker beachtet würden.


Münchner Umwelt- und Verkehrsverbände wünschen sich „mehr Mut“ von der Stadt!


Münchner Umwelt- und Verkehrsverbände wünschen sich „mehr Mut“ von der Stadt! Ulrike Bührlen und Benjamin David, Gründer der urbanauten, die die Aktion am Samstag ins Leben gerufen hatten, wollten mit der Malaktion in der Sendlinger Straße deutlich machen, »was eine Straße alles sein kann, nämlich Aufenthaltsraum und Begegnungsstätte«. Sie wünschte sich von der Stadt »mehr Mut für Experimente«, denn nur so könne man herausfinden, was am besten funktioniere. Für Ramon Arndt von Green City e. V., ebenfalls Mitveranstalter des Straßen.Mal.Festes, bestätigte der rege Zulauf, dass die Sendlinger Straße »öffentliches Gut« sei, das nicht Autos vorbehalten sein dürfe. »Die Qualität des öffentlichen Raumes kann man nur erleben, wenn keine Autos parken und durchfahren«, sagte er. Ihm pflichtete Christian Hierneis, Vorsitzender des Bund Naturschutz KG München bei und ging noch einen Schritt weiter: »Wir brauchen noch viel mehr dieser autofreien Zonen«, forderte er. Denn angesichts der Luftbelastung in München und steigender Einwohnerzahlen »muss die Verkehrswende kommen«. Wolfgang Czisch vom Münchner Forum e.V. sieht gute Chancen dafür. »Die Leute gehen gerne zu Fuß«, lautete seine Beobachtung. Man müsse ihnen nur attraktive Wege bieten und Stadtbereiche so vernetzen, dass sie fußläufig gut zu erreichen sind.

Mit der Fußgängerzone Sendlinger Straße hat München die Chance, dem Ziel ein klein wenig näher zu kommen. Konsequent weitergedacht, hieße das: Vorrang für Fußgänger bis zum Isartor und gerne weiter bis zur Ludwigsbrücke. Der Anfang ist gemacht.

Vertreter von den urbanauten, Bund Naturschutz KG München e.V., Green City e.V. und Münchner Forum e.V. im gemeinsamen Pressegespräch mit Stadtplaner Karl Klühspieß, der sich schon seit den 1960er Jahren für eine Fußgängerzone in der Sendlinger Straße einsetzt. Foto: Stephan Rumpf

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Posted on by Clara Muth. This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

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