Puerto Giesing – ein Social Media Experiment

Autor: Patrick Gruban (Veranstalter und Informationsarchitekt, München852)

2011 wird voraussichtlich das erste Jahr sein, in dem Menschen unter 30 in Deutschland mehr Zeit im Internet verbringen als vor dem Fernseher. Der größte Einzelanteil dieser Zeit wird in Soziale Netzwerken verbracht werden, allen voran Facebook. Soziale Netzwerke leben von der Kommunikation mit Freunden – Freundschaften, die zu einem hohen Anteil im gleichen Ort geschlossen wurden, gerade wenn die Nutzer in einer Stadt leben. Das legt die Frage nahe, ob sich der Blick auf den urbanen Raum durch Soziale Netzwerke verändert, vor allem wenn immer mehr lokale Organisationen und Geschäfte auf Facebook mit ihrem Publikum kommunizieren.

Wir hatten die Möglichkeit so einen Austausch zu beobachten, als wir im Frühjahr 2010 den temporären Veranstaltungsort Puerto Giesing in einem ehemaligen Hertie-Kaufhaus in München starteten. Innerhalb von wenigen Monaten hatte die Facebookseite des Projekts zehntausend Fans, die wir mit Informationen über Veranstaltungen, mit Medienausschnitten, sowie Fotos und Videos aus dem Ort informierten. Puerto Giesing war bis zur Schließung Ende des Jahres eine Plattform für unterschiedliche Gruppierungen. Hier traf sich die Clubszene zu Parties mit Szenegrößen im Untergeschoss, Streetartkünstler gestalteten die Wände, es gab Theateraufführungen, Lesungen und viele Konzerte von bekannten und unbekannten Bands.

Der urbane Raum ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass viele unterschiedliche Gruppierungen in der Nähe voneinander interagieren ohne miteinander in Kontakt zu treten. Wenn ein Veranstaltungsort am selben Abend eine Theateraufführung und eine House-Clubveranstaltung anbietet, dann ist es nicht unwahrschinlich, dass die meisten Gäste nichts von der anderen Veranstaltung erfahren. Einen Dialog über die thematischen Grenzen hinweg in Gang zu bringen war aber bisher kaum möglich.

Facebook hat das für Puerto Giesing verändert. Besucher, die nur Musikveranstaltungen besucht hatten, waren z.B. mit der Performance „Betrachtung eines nicht sichtbaren Gegenübers “ von Claudia Senoner aus der WarenAnnahme konfrontiert, die per Livestream direkt in deren Facebook-Stream erschien. Statt, wie oft bei Aktionen von zeitgenössischen bildenden und darstellenden Künstlern, nur kunstinteressiertes Publikum zu erreichen, kamen hier Menschen mit unterschiedlicher kultureller Prägung zusammen und tauschten sich in den Kommentaren aus.

Fotos, Videos und Presseartikel über einzelne Veranstaltungen und Aktionen im Haus wurden von vielen Benutzern kommentiert und weiterverbreitet, so dass eine enge Bindung mit dem Publikum entstand, wie es bisher schwer vorstellbar war – vor allem bei einer so kurzen Nutzungsdauer eines Orts. Auch wurde es möglich innerhalb von wenigen Tagen Veranstaltungen zu kommunizieren und mehrere hunderte Menschen zu Veranstaltungen zu bekommen. Oft waren es auch die Facebook-Fans, die selbst Ideen für Veranstaltungen hatten und die Möglichkeit des Raums erkannten.

Puerto Giesing hat uns als Veranstaltern neue Möglichkeiten aufgezeigt. Wie nachhaltig diese Art der Kommunikation ist bleibt abzuwarten, aber wer nicht in den direkten Kontakt mit seinen Besuchern tritt, läuft in Gefahr sie in Zukunft zu verlieren.

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Posted on by Benjamin David. This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

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