Öffentliches Leben im „postprivaten Zeitalter“

Autor: Dr. Hanno Rauterberg (Kunst- und Architekturkritiker der ZEIT in Hamburg)

Was ist heute noch privat? Was wird als öffentlich begriffen? Viele alte Vorstellungen haben sich in den letzten Jahren gewandelt, die Gesellschaft hat sich liberalisiert, sie ist offener und in der Konsequenz auch öffentlicher geworden. Manche sprechen bereits vom „postprivaten Zeitalter“. Nicht unwesentlich hat die digitale Technik diesen Wandel beschleunigt, sie verwischt die klassischen Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem und verändert das allgemeine Gefühl von Zeit und Raum. Was bedeutet das für die politische Kultur? Was sind die sozialen Folgen?

Die gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte scheinen deutlich zuzunehmen, viele beobachten den Zerfall des Gemeinwesens, das sich in lauter Teilöffentlichkeiten aufspalte. Auf die Kaffeehauskultur von einst, die zur Grundlage der bürgerlichen Öffentlichkeit wurde, scheint nun die Unverbindlichkeit der ortlosen Coffee-to-go-Gesellschaft zu folgen. Doch wächst unübersehbar auch das Bedürfnis nach Realraum-Erfahrungen. Das öffentliche Leben im „postprivaten Zeitalter“ könnte weit lebendiger werden, als viele meinen. Von Rückzug jedenfalls kann keine Rede sein, im Gegenteil: Es wächst die Bereitschaft zum Austausch, zur Diskussion, auch zum gemeinsamen Handeln.

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