Die Vermessung des Urbanen 3.0 – Unser Nachbericht

Freitag Mittag, es hat uns an einen unwirklichen Ort verschlagen, weit weg von der großen Stadt. Hier, in Tutzing, sind die Schwäne noch weiß und das Frühstücksei perfekt. Das an diesem Wochenende so oft zitierte iPhone wirkt wie ein Fremdkörper. Und trotzdem kann ich mir keinen besseren Ort für unsere Tagung vorstellen.

Der erste Tagungsgast, der mir auf dem Gelände der Ev. Akademie Tutzing begegnet, ist Jens Best. Mir bis dahin nicht bekannt, aber scheinbar vor allem in den Weiten des Internets kein unbekannter Name. Kurzes Gespräch in den Salons. Dann weiter in den Garten, runter zum Steg. Ein letztes Mal meine Grußworte durchgehen. Siegfried Benker, Jutta Höcht-Stöhr, Michael Ruhland, Ulrike Haerendel… niemanden vergessen. Es gibt so viele bei denen ich mich, wir uns, bedanken möchten. Es bleibt bei einigen wenigen Namen, stellvertretend für alle Unterstützer, Referenten und Teilnehmer der Tagung.

Die Tagung beginnt mit einem Vortrag von Prof. Christiane Thalgott, der ehemaligen Stadtbaurätin Münchens. Ein Plädoyer für den öffentlichen Raum der Stadt und echter, weil physischer Begegnung. Anschließend spricht Florian Rötzer, Chefredakteur von Telepolis (mit dem berühmt berüchtigten Heise-Forum haben auch wir einige Tage vor der Tagung irritierende Bekanntschaft machen dürfen) über „Evernet“ und die Auflösung der Grenzen zwischen Stadt und Land, aus der Perspektive eines „anderen Planeten“, nach eigenem Empfinden unendlich weit entfernt von den Vorstellungen seiner Vorrednerin und doch noch nicht ganz angekommen, in der Realität passionierter Netzaktivisten.

Die – zugegeben dramaturgisch geschaffene – Spannung (Debatte moderiert von Birgit Frank von Bayern2) zwischen den beiden ersten Referenten der Tagung zieht sich durch die Tagung, durch jede einzelne Diskussion. Immer wieder stehen sich die Verfechter eines traditionellen Verständnis von „öffentlichem Raum“ im Sinne der konkreten, physischen Orte in unseren Städten, und die Vordenker einer Verschmelzung von virtuellem und „realem“ Raum zu einem einzigen Raum bestehend aus „realer“ und digitaler Ebene gegenüber.

Hier und da kämpfen Facebook-Nutzer und Facebook-Gegner, Apple-User und Open-Source-Kämpfer hitzige Gefechte. Meist ist die Debatte jedoch wirklich fruchtbar, gerade weil Publikum und die große Schar an Referenten so gut durchmischt sind. Es gibt Stadtplaner und Architekten, Künstler und Kulturschaffende, Grundschullehrer und Hochschulprofessoren, Politiker und Journalisten, Nerds und Netzpolitiker. Eben nicht die üblichen Verdächtigen, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite.

Am Samstag ein fulminanter Start mit Hanno Rautenberg, unserem Lieblingsautoren der Zeit, über sogenannte „shared spaces formerly known as Fußgängerzone“ und die zunehmende Verschmelzung von öffentlichen und privaten Räumen. Dazu anschließend ein sehr kompetenter und wissenschaftlich fundierter Vortrag von Juliane Pegels und Ulrich Berding. Weiter geht es mit Vorträgen von Pionieren, die entweder aktiv oder forschend in den Überlagerungen von virtuellen und „realen“ Räumen wühlen. Katharine Willis über ihre Forschungen zu Flashmobs und Foursquare, Patrick Gruben über „München851/852“, Michaela Melián über ihr Projekt „Memory Loops“ und Zara Pfeiffer über Protestmaschinen.

Am Abend, nach Workshops, Auflauf und Salat, gibt es den für Tutzing so eigenen besonderen Vortrag, dieses Mal auch anlässlich des 10jährigen Bestehens der urbanauten. Es spricht Julian Nida-Rümelin. „Urbanität und Ethos“(anschließende Debatte moderiert von Thomas Kretschmer von Bayern2) vorgetragen in unglaublicher Gelassenheit, als könne ihn nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen. Im Auditorium ist nur seine Stimme zu hören, nicht einmal das Klacken der Tastaturen kann man jetzt vernehmen.

Am nächsten Morgen ein kitschiger Sonnenaufgang und ein wenig wehmütig das letzte Frühstücksei mit Seeblick. Die letzten großen Worte der Tagung spricht Dirk von Gehlen, Chefredakteur von jetzt.de. Mit viel Euphorie und mindestens genauso viel Besonnenheit erklärt er die neue Welt und fordert eine digitale Zivilgesellschaft. Eine neue Kultur für einen neuen Lebensraum.

Nach 45 Stunden endet die Tagung für mich mit einer S-Bahn-Fahrt nach München und einem Gespräch über „Open Data“ und „Internet-ADAC“. Der erste Tagungsgast ist auch der letzte.

Bleibt zum Schluss nur noch einmal allen zu danken, die diese Tagung ermöglicht haben. Allen voran der Ev. Akademie Tutzing, Frau Haerendel, Frau Brosch, Frau Niedermaier und Petra Schnabel. Den insgesamt 25 Referenten, Moderatoren und über 110 Tagungsteilnehmern für die lebendige Debatte und die Bereitschaft sich auf neues einzulassen. Allen Partnern, Sponsoren und Medienpartnern für die Unterstützung, finanzieller und ideeller Art. Last but not least, Dank natürlich auch an Uli und Ben, den mutigen Gründern der urbanauten und Eltern der Idee dieser Tagung in Tutzing!

Share
Posted on by Benjamin David. This entry was posted in Tagung "Die Vermessung des Urbanen". Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.