Das Internet – ein urbaner Ort!

Autor: Dirk von Gehlen (Redaktionsleiter von jetzt.de, München)

Wenn an der Phrase vom rechtsfreien Raum, der das Internet keinesfalls sein darf, eines wahr ist, dann doch wenigstens die Behauptung, dass das Netz tatsächlich ein Ort ist. Das Internet ist ein Raum, an dem Menschen Teile ihres Lebens verbringen. Es ist keineswegs nur ein weiterer Verbreitungsweg für Inhalte, sondern ein Raum, in dem wir gerade beobachten können, wie die gelernten Regeln von Öffentlichkeit neu definiert werden.

Politiker ziehen sich regelmäßig den Spott der mit dem Begriff „Netzgemeinde“ nur unzureichend beschriebenen Web-Nutzer zu, wenn sie sich mit der Forderung „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“ in die Öffentlichkeit begeben. Denn natürlich ist das Internet nicht rechtsfrei und wer sich detaillierter zum Beispiel mit dem Abmahnwesen befasst, das seit Jahren im Rechtsgebiet der Urheberrechts erwachsen ist, kann das täglich beobachten. Wer dennoch den Eindruck erzeugt, das Internet existiere unabhängig von unserem Rechtssystem, zeigt damit entweder seine eigene Ahnungslosigkeit oder nutzt diese um Ressentiments zu bedienen, die in einer netzskeptischen Öffentlichkeit noch immer bestehen.

Insofern ist jede neue Politiker-Rede, in der die Floskel vom rechtsfreien Raum vorkommt, der wiederholte Beweis dafür, dass der vor ein paar Jahren erstmals benannte digitale Graben, der unsere Gesellschaft spaltet, noch immer fortbesteht (und womöglich sogar noch an Tiefe zugenommen hat). Auf der einen Seite befinden sich jene, die mit dem Netz aufgewachsen sind und in dessen Veränderungen nicht nur ihren selbstverständlichen Alltag, sondern auch jede Menge Chancen sehen. Auf der anderen Seite stehen jene, die den digitalen Raum aus eigenem Erleben nur selten kennen und deshalb anfällig sind, für Schreckensszenarien von Betrug, sexueller Schrankenlosigkeit und Verleumdung.

Um den Aufgaben gerecht zu werden, die die Digitalisierung der Gesellschaft stellt, müssen wir das Internet als Raum denken. Als Stadt ohne Grenzen. Als urbanen Ort, den es zu vermessen gilt. Diese Vermessung wird nur gelingen, wenn wir zunächst daran arbeiten, den Graben zu schließen. Doch dafür bleibt nicht viel Zeit. Denn während sich die deutsche Debatte häufig noch um Befindlichkeiten des Digitalen bewegt, haben die neuen weltweiten Akteure diesen Raum bereits vermessen, um dort ihre eigenen Regeln und Interessen zur Durchsetzung zu bringen. Allein um sich dem nicht kampflos hinzugeben, brauchen wir eine digitale Bürgerrechtsbewegung, die die Interessen der globalen Nutzerschaft artikuliert und mithilft, die Grundprinzipien der offenen Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen.

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Posted on by Benjamin David. This entry was posted in Allgemein. Bookmark the permalink.

2 Responses to Das Internet – ein urbaner Ort!

  1. mackenzen says:

    ‚Allein um sich dem nicht kampflos hinzugeben, brauchen wir eine digitale Bürgerrechtsbewegung, die die Interessen der globalen Nutzerschaft artikuliert und mithilft, die Grundprinzipien der offenen Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen.‘

    und ueber dem ‚artikel‘ dann diese facebook-grafik?! wo bleibt da der kampf leudde?! die interessen der hungernden auf der welt DAS sind interessen! offene gesellschaft? fuer WEN?! im netz wird garnichts verteidigt! eine digitale BUERGERrechtsbewegung ist nur DIGITAL: mehr nicht!

  2. Dirk says:

    Oh, Entschuldigung: Ich habe diese Antwort erst jetzt gesehen. Deshalb meine bisheriges Schweigen.

    Ich würde dazu sagen: eine analoge Bürgerrechtsbewegung ist nur analog.

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