Debatte: Flash Mobs & urbane Schwärme – die neue Muße?

Flaneur heute

Flash Mobs und Urbane Schwärme sind Gegenthesen zum „Ist“ unserer Städte. Die schwärmenden Urbanauten bilden eine Gegenöffentlichkeit. Die Stadt die zunehmend strömt, fragmentiert, entleert, privatisiert, vergißt, übersieht, vernachlässigt, zerbricht, reguliert, bestraft, überwacht fordert uns heraus, wir wollen die Gegenwart der Stadtgesellschaft in Frage stellen.

Mit den Mitteln der modernen Kommunikation formulieren wir uns bei unseren urbanen Schwärmen (zuletzt beim Spielart Festival) als lebendige Gegenthese im Stadtraum. Während die blinkenden und ständig Aufmerksamkeit fordernden Gerätchen einerseits als Ende der abendländischen Zivilisation gelten können, geben sie dem modernen Flaneur die Möglichkeit sich in Verbindung zu setzen und Formen für die Stadt von morgen zu entwickeln.

Der Wilde Westen in der Hosentasche

Wer sein Gerät liebt, der schiebt. Dazu müssen wir zuallererst unsere Smartphones beherrschen lernen. Begreifen wie wir sie für unser Wollen einsetzen können und uns Ihrem Sog entziehen können. Dann werden sie zu Mitteln der Befreiung der Stadt! Entscheidend wird sein, wer die sich neu herauskristalisierenden „Öffentlichen Zwischenräume“ erkennt, entdeckt, erobert, bespielt, reflektiert und debattiert. Es ist noch nicht aller Tage Abend im öffentlichen Raum, wenn immer mehr Menschen das „Internet in der Hosentasche“ tragen und die Mittel des Echtzeit-Internets nutzen lernen. Denn wie so viel Medien ist das Mobile Web für alle Inhalte offen, insbesondere da es von jedem von uns – mittlerweile sogar von unterwegs und in Echtzeit – geschrieben werden kann.

Unter „Öffentlichen Zwischenräumen“ verstehen wir den Raum der durch die Gleichzeitigkeit von urbanen und virtuellen öffentlichen Räumen entsteht. Die Nutzer dieser öffentlichen Zwischenräume sind gleichzeitig Teil einer Ausstülpung des virtuellen öffentlichen Raumes in den physischen urbanen Stadtraum und einer umgekehrten Ausstülpung. Möglich wird das erstmals durch die neue Generation der Smartphones mit mobilem Internet.

In diesem „Zwischenraum der Echtzeit“ gibt es noch Freiräume, die zu erkunden eine lohnende Aufgabe für urbane Pioniere und Künstler darstellt. Und auch andere beginnen sich für den „Wilden Westen in der Hosentasche“ zu interessieren. In diesem Raum der umgestülpten Logiken (Alice im Wunderland?) tummeln sich schon so einige. Programmierer und „Nerds“ machten den Anfang. Sozialwissenschaftler und -theoretiker erkannten die Möglichkeiten. Kommunikationsstrategen und Marketingexperten beginnen die „Potentiale“ zu nutzen. Klassische Medien machen Vorstöße in diese neuesten neuen Medien. Demnächst wohl auch politische Parteien auf der Suche nach dem Wähler von morgen. Und eben auch Künstler…

Kritische Anmerkungen zu „Moment of Starlings“

schwarm 00: Geheimer Treffunkt in den Kammerspielen. Seifenblasen in den Fünf Höfen. Freeze im U-Bahn-Zwischengeschoß. Ausruhen im Kulturreferat. Warteschlange vor genau einem Geldautomaten. Abschlußfest im versteckten Raum im U-Bahn-Untergeschoß.

schwarm 01: Geheimer Treffpunkt im Residenztheater. Eroberung der Trambahn mit Liedgut. Rolltreppen in Gegenrichtung im Hertie. Summen im Schließfachtrakt des Hauptbahnhofs. Rote Rosen für Sicherheitskräfte. Lange Schlange durch den Bahnhof. Kollektives Taxifahren. Blitzlichtgewitter im Spiegelsaal des Hotels. Abschlußfest im Kindermuseum im Hauptbahnhof.

schwarm 02 (Rückkanal-Test): Lesung im Buchladen. Walzer im Isartor. Lange Schlange über den S-Bahnhof. Rolltreppe Hochrennen zum Breiterhof. Zickzackgehen im Patentamt Innenhof. Bellen an der Turbine. Kissenschlacht am Vater-Rhein-Brunnen. Glühwein vor der Muffathalle/Spielartzentrum.

schwarm 03: Geheimtreff im Diana Tempel. Tape Mob – Reclaim the Streets auf dem Altstadtring. Untertauchen im Haus der Kunst. Erholsamer Sleep In im Museum. Entwischen durch den Hintereingang. Walzer vor dem US-Konsulat. Walzer im Sicherheitszaun? Abschlußfest im geschlossenen P1.

Alle Happenings lassen sich als Gegenthese, kritische Öffentlichkeit, Reflexion, Infragestellung, Meditation zu den jeweiligen Raumlogiken am Ort verstehen. Aber nicht bei allen ging es um Innehalten, Flanieren, Bewußtwerden, Kontemplation, Wahrnehmen. Manchmal wurde es hektisch, provokativ, ausgelassen fröhlich, schnell. Doch auch hier wurde das „Ist“ am jeweiligen Ort in Frage gestellt. Es geht also vielleicht mehr um ein verlassen der vorherschenden Raumlogiken. Wobei die Bemerkung gestattet sei, dass die Momente des Innehaltens, der Muße (Summen, Freeze, Lesung, Geheime Treffen, Seifenblasen, Warteschlange) die größere Kraft und Tiefe besaßen.

Share
Posted on by Benjamin David. This entry was posted in Schwarm 2.0. Bookmark the permalink.

2 Responses to Debatte: Flash Mobs & urbane Schwärme – die neue Muße?

  1. war ein sehr netter Flash Mob in den Fünf Höfen 2009. Wollt Ihr nicht mal was ähnliches in Pasing machen?

  2. die urbanauten says:

    Danke. Wir arbeiten ja gerade an der Weiterentwicklung des Schwarms und denken dabei auch über mögliche Orte nach, vielleicht auch Pasing.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.